1. Neuigkeiten
  2. Klimaexperiment Paris-amKumma

Klimaexperiment Paris-amKumma

Im Oktober 2020 versuchten zwölf Haushalte – in jeder amKumma-Gemeinde drei – vier Wochen lang so zu leben, wie es das Pariser Klimaabkommen vorgeben würde. Ziel des Klimaabkommens ist es, die jährlichen CO2-Emissionen auf eine Tonne pro Kopf zu reduzieren – aktuell sind es in Österreich zwölf Tonnen pro Kopf. Die Ergebnisse des Testmonats sind erfreulich, deutliche Senkungen konnten in allen teilnehmenden Haushalten erreicht werden.
Klimaexperiment Paris-amKumma

Landesrat Johannes Rauch betont die enorme Bedeutung dieses Projektes: „Wer klimaneutraler lebt, trägt gleichzeitig zur Erreichung der Ziele der Energieautonomie+ bei. In Versuchen wie diesem liegt enormes Potenzial.“ Bei der Abschlussveranstaltung am Freitag, dem 5. März 2021 im KOM Altach – coronabedingt in kleinem Rahmen – wurden den politischen Vertretern, Staatssekretär Magnus Brunner, Landtagspräsident Harald Sonderegger, Landesrat Johannes Rauch und den Bürgermeistern der Region amKumma Christian Loacker, Gerd Hölzl, Markus Giesinger und Rainer Siegele, die Feststellungen, Forderungen und Empfehlungen der Teilnehmenden übergeben. „Das Feedback der Teilnehmer:innen zeigt uns, dass in der Bevölkerung großes Bewusstsein für den Ernst der Lage vorhanden ist und viel getan wird. Unsere Aufgabe ist es, die Empfehlungen und Forderungen genauso ernst zu nehmen und zu handeln“, so Rauch. „Als e5-Gemeinden setzen wir kontinuierlich Maßnahmen um und möchten mit Bewusstseinsbildung die Menschen in der Region amKumma für ein klimaneutrales Leben sensibilisieren. Unser Klimaexperiment ist ein gutes Beispiel dafür, wie engagierte Teilnehmer:innen ihr Alltagsverhalten ändern können und ihre Erfahrungen als Multiplikatoren weitergeben“, ergänzte Bürgermeister Christian Loacker, Obmann Region amKumma.

Abermals wurde deutlich: Jede:r kann etwas tun, um ans Ziel zu kommen. Aber es ist ein gesamtgesellschaftliches Umdenken nötig. Staatssekretär Magnus Brunner dazu: „Paris-amKumma zeigt auf, was möglich ist, wenn jeder einen Beitrag leistet. Ein Vorbildprojekt, das hoffentlich viele Nachahmer findet und das uns allen unsere Verantwortung deutlich macht, denn wenn Jede:r kleine Schritte im Klima- und Energiebereich setzt, kommen wir gemeinsam weit.“

Landtagspräsident Harald Sonderegger stimmte Brunner zu und ergänzte: „Wir konnten schon von den Ergebnissen bei Paris-Vorderwald profitieren und lernen. Auch die Ergebnisse von Paris-amKumma sind so erfreulich wie aufschlussreich. Im Vorarlberger Landtag ist Klimaschutz schon lange und nach wie vor intensiv diskutiertes Thema. So hat er bereits 2009 die Energieautonomie 2050 und erst 2019 die MissionZeroV, also den Weg zu Österreichs erster klimaneutralen Landesverwaltung, jeweils einstimmig beschlossen.“

Gute Ausgangsposition

Im Vorfeld wurde in allen teilnehmenden Haushalten mittels der App „Ein guter Tag hat 100 Punkte“ der Ist-Stand analysiert. Wer maximal 100 Punkte erreicht bzw. verbraucht, hat das Klima-Tagesziel geschafft. Im Schnitt verbrauchten die Teilnehmer:innen 170 (klimaschädliche) Punkte pro Tag und pro Kopf. 70 Punkte über dem Ideal ist bereits als überdurchschnittlich guter Anfangswert zu sehen. Der österreichische Schnitt liegt bei 450. Mit Anfang Oktober fiel der Startschuss für das vierwöchige Experiment. Durch Verhaltensanpassungen in sämtlichen Lebensbereichen – von Mobilität über Konsum bis hin zur Ernährung – versuchten die Teilnehmenden den 100 Punkten näher zu kommen. Wöchentlich wurden die umgesetzten Schritte via App dokumentiert. Nach vier Wochen lag der Haushaltsschnitt bei erfreulichen 128 Punkten – um rund ein Viertel niedriger als zuvor. Besonders viel eingespart wurde im Bereich Mobilität (22 Punkte).

100 Punkte nicht erreicht

Im Testmonat stand den Teilnehmenden ein breites Angebot von Energieberatung bis zu E-Auto zur Verfügung. Die Angebotspalette wurde gut genützt. Die Teilnehmer:innen ließen ihre Autos stehen, fuhren mit dem Rad, Bus oder testeten Caruso-Carsharing. Sie probierten E-Bikes, E-Lastenräder und E-Autos, sie kochten mit der Gemüsekiste, bauten eigene Hochbeete oder erweiterten bestehende Beete, reduzierten den Fleischkonsum, ließen sich für neue, effiziente Leuchtmittel begeistern, suchten Möglichkeiten Strom zu sparen, ließen sich in Sachen Sanierung und PV-Anlagen beraten, versuchten den Konsum im Allgemeinen auf das Notwendige zu reduzieren, passten Reisepläne oder Reisearten an, setzten auf mehr Homeoffice und vieles mehr. Eine Teilnehmerin meint dazu: „Unsere Familie konnte aus diesem Monat sehr viel mitnehmen – die Verhaltensänderung ist also eine permanente.“ Kurzum: die 12 Haushalte haben den Testmonat gut genützt. Die 100 Punkte wurden aber nicht erreicht.

Experiment zeigt Handlungsmöglichkeiten auf

Ein Experiment dieser Art fand nicht zum ersten Mal statt. Bereits im Mai 2019 versuchten 14 Haushalte aus dem Vorderwald unter dem Titel Paris-Vorderwald ebenso die 100 Punkte zu erreichen. Am Ende wurden auch dort Forderungen und Handlungsempfehlungen an die Politik formuliert und überreicht. Die Ergebnisse von Paris-amKumma ähneln denen des Projekt-Vorgängers. Die Teilnehmer:innen sind sich einig, dass jede und jeder etwas beitragen kann, um den Klimazielen näher zu kommen. Wichtig ist ihnen auch die Grenzen der Handlungsspielräume der und des Einzelnen aufzuzeigen. Dort wird klar ein stärkeres Agieren von der Politik – auf allen Ebenen – als notwendig eingefordert. Denn auch Bund und Land hinterlassen einen ökologischen Fußabdruck. Dieser schlägt sich mit rund 30 Punkten pro Kopf und Tag zu Buche. Darin sehen die Bewohner:innen der zwölf Paris-amKumma Haushalte großes Potenzial, um tatsächlich die 100 Punkte erreichen zu können.

Alte Strukturen auflösen

Die Forderungen der Teilnehmer:innen sind weitreichend und zeigen die Komplexität des Themas. Einige Beispiele: Verbesserung des öffentlichen Verkehrs, Attraktivieren von E-Mobilität für Senioren und Familien, Forcieren von Altbausanierungen, Beschränken von Neubauten. Stärkung von Homeoffice/Remote Work, Begrenzung der jährlichen Flugmeilen sowie unter anderem Besteuerung von Klimasündern. Ein Haushalt fasst es so zusammen: „Was am Ende übrigbleibt: Wir müssen aus den alten Strukturen heraus – rein in solche, die klimaneutraleres Leben ermöglichen. Das ist die Aufgabe der Politik, diese neuen Strukturen so schnell als möglich zu realisieren.“

 

Das Fazit der Paris-amKumma-Teilnehmer:innen

Allgemeines:

  • Wirksame Maßnahmen sind mit sehr hohen Investitionen verbunden und deswegen nicht einfach umzusetzen (Elektro-Auto, Sanierungen, etc.).
  • Kein ausreichendes Angebot an Second-Hand-Kinderbekleidung
  • Das größte Potenzial aus Sicht der Teilnehmer:innen liegt im Bereich Mobilität.
  • Regionale- vs. Bio-Produkte: Tendenz Richtung Regionalität.
  • ÖV-Nutzung wird noch als unsicher, kompliziert und unbequem wahrgenommen.
  • Es fehlt an vegetarischen/veganen Kochideen (Beispiel „Grillen“).
  • Das Projekt Paris-amKumma soll für andere Haushalte weitergeführt werden.
  • Die Lösung nicht Bürger:innen überlassen, sondern an den „großen Hebeln“ ansetzen: Klimasünder besteuern, klare und verbindliche Regelungen in Richtung Klimaschutz.

 

Kommunale & regionale Ebene:

  • Häufige Busverspätungen in Stoßzeiten als Hindernis: Anschlüsse werden oft nicht erreicht.
  • Anbindung an REX in Götzis sollte besser funktionieren. Für Koblach und Mäder sehr unsicher oder mit langen Wartezeiten verbunden.
  • Ausbau der ÖV-Verbindungen zwischen der Region amKumma und der Schweiz: Altstätten ist nicht direkt angebunden.
  • Buslinie 303 (Hohenems-Heerbrugg) ist zu langsam: 1 Stunde (davon 20 Minuten Wartezeit in Hohenems am Bahnhof) vs. 25 Minuten mit dem Fahrrad oder 15 Minuten mit dem Auto.
  • Bei der Planung von Buslinien sollten Befragungen der Bevölkerung gemacht werden (nicht nur Fahrgastzählungen).
  • ÖV-Anbindung in Koblach ist sehr schlecht.
  • Angebot für kombinierte Mobilität verbessern (ÖV & Fahrrad).
  • Carsharing bei allen großen Wohnanlagen einfordern
  • E-Mobilität v.a. den Senioren und Familien gezielt näherbringen. Diese Zielgruppe könnte sie am besten brauchen, hat aber Scheu davor, E-Mobilität zu testen.
  • Besseres Radwegenetz in Koblach (derzeit sehr gefährlich, v.a. mit Kindern).
  • Verbesserung des Radweges von Mäder Zoll am Rhein entlang Richtung Diepoldsau (aktuell Schotterweg mit Schlaglöchern).
  • Strom-Mix der Gemeinden konsequent auf Ökostrom umstellen.
  • Bio und regional sind nicht dasselbe. Bestrebungen, beides gleichzeitig zu fördern: regionale Bioprodukte!

 

Landesebene:

  • Radwegenetz in Vorarlberg muss besser ausgebaut werden: Höheres Budget für Radinfrastruktur und Fußwege, weniger Budget für Straßen und Tunnels.
  • Radschnellverbindungen mit direkten Führungen (weniger Zick-Zack).
  • Wann kommen die neuen Züge?
  • Der Umstieg am Bahnhof ist mit dem Fahrrad schwierig.
  • Fahrradmitnahme im Zug ist schwierig.
  • Zugsverbindung in Richtung Lustenau ist sehr schlecht. Für Pendler:innen wäre es eine große Erleichterung, die Lauterach Südschleife zu öffnen und Züge dort in Richtung Lustenau/St. Margrethen zu führen.
  • WIRKLICH leistbares Wohnen schaffen.
  • Leerstand in Wohngebäuden aktivieren.
  • Sanierungen massiv forcieren und fördern. Im Gegenzug Neubauten kritisch hinterfragen.
  • Dorfzentren stärken und die Entwicklungen an der Peripherie stoppen.
  • In allen öffentlichen Kantinen in Vorarlberg ausschließlich regionale und Bio-Lebensmittel anbieten.

Bundesebene:

  • Öffentlicher Konsum in Österreich ist zu hoch (31 Punkte pro Person). à Strom- und Wärmeversorgung auf erneuerbare Energieträger umstellen.
  • Der reguläre Strom-Mix soll grün sein.
  • Kostenwahrheit muss her (CO2-Steuer!).
  • Hohe Umweltstandards sollten bei Subventionen ein Muss-Kriterium sein.
  • Dieselprivileg abschaffen.
  • S-Pedelecs als Kategorie einführen und die Benutzung von Radwegen (zumindest überörtlich) erlauben. Das könnte für Pendler:innen großes Potential für den Umstieg vom Auto haben.
  • Mobilitätsforschung anregen. E-Mobilität ist auch kritisch, nur derzeit die beste aller schlechten Möglichkeiten.
  • Arbeitszeit-Reduktion auf 36 Stunden und ein Lob der Langsamkeit.

 

EU-Ebene:

  • Sozial verträgliche CO2-Steuer muss schnellstens eingeführt werden à Kostenwahrheit!
  • Verpflichtende CO2-Kompensation für Flüge (im Ticket enthalten) oder auch eine Obergrenze für jährliche Flugkilometer etc.
  • Neue Agrarförderungen sollten Umweltziele stärker fördern. Endlich weg von Flächenförderung.
  • Klimaschädliche Aktivitäten dürfen nicht subventioniert werden.
  • Steuern für Großkonzerne und massive Klimasünder.

 

Arbeitgeber:

  • Duschen und sichere Radabstellanlagen für Fahrradpendler:innen bereitstellen.
  • Klimaneutrales Arbeiten ermöglichen: Die Arbeitswelt muss sich hier komplett ändern. Home-Office & Remote-Work (Fernarbeit) reduzieren nicht nur notwendige Wege, sondern ermöglichen neue Lebensentwürfe.
  • Wegzeiten zumindest teilweise in die Arbeitszeit einrechnen, gegebenenfalls nur der Unterschied von einem umweltfreundlichen, langsamen Verkehrsmittel auf das Auto

 

Message